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Aschenbrödel

Sie kam aus einer Straße auf mich zu, als ich eben aufs Fahrrad gestiegen war und wendete. Einfahrt verboten, signalisierte ein Schild mit rotem Rand.

Seewalde hieß der Ort.
»Wann kommt der Prinz?«, fragte sie mich mit einem scheuen Lächeln.
»Der Prinz?«, fragte ich zurück.
Sie nickte.
»Er hat ein Pferd. Warum reitet der Prinz ein Pferd?«
Ich hatte keine Antwort parat. Sie zitterte als wäre ihr kalt, dabei war es angenehm warm. Ihr Lächeln verriet, dass ihr Geist in einer anderen Welt wanderte.
»Er kommt zu Aschenbrödel«, sagte sie. »Der Prinz reitet zu ihr. Wann kommt er?«
»Das weiß ich nicht«, sagte ich.
»Ich bin Aschenbrödel«, sagte sie.
»Dann wirst du sehr glücklich«, sagte ich und lächelte ihr zu.
Auf ihrem Gesicht erschien, für einen Moment lang, ein Ausdruck der Überraschung.
»Der Prinz heiratet Aschenbrödel«, sagte ich, »und sie werden sehr glücklich.«
Das Staunen war vorbei.
»Wann kommt Hans?«, fragte sie.
»Das weiß ich nicht«, sagte ich.
»Hans ist der Prinz«, sagte sie.
»Ah«, sagte ich.
»Warum ist er noch nicht hier?«
Ich zuckte die Schultern. Warum-Fragen entspringen einer Quelle, die unaufhörlich sprudelt und doch den Durst nicht löschen kann.
»Ich bin Aschenbrödel«, sagte sie. »Und ich bin der Prinz.«
Sie trat einen Schritt vor, als wolle sie seitlich an mir vorbei gehen. Ihre Bewegungen waren unnatürlich verkrampft, ihr Blick verschleiert. Sie hielt ihren linken Arm, der starr nach unten hing, mit der rechten Hand fest.
»Warum hat der Prinz Pfeil und Bogen?«
»Er will die Prinzessin beschützen«, sagte ich .
»Die Prinzessin«, wiederholte sie gedankenverloren.
»Ja, Aschenbrödel. Er will dich beschützen.«
Sie schien darüber nachzudenken. Ihre Augenbrauen zitterten auf und ab, ihr Blick war ohne Halt.
»Warum kommt Hans nicht?«
Sie war gefangen in einer Schleife, endlos und unergründlich wie ein Möbius-Band. Wieder ging sie einen Schritt vor, diesmal in meine Richtung.
»Er wird kommen, dein Prinz«, sagte ich. »Und dann wirst du glücklich sein.«
Sie lächelte, aber es war nicht zu erkennen, worüber.
Ich winkte ihr zum Abschied und fuhr davon. Ich bin nicht Hans.


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Kommentare: 1
  • #1

    Luisa Umlauf (Dienstag, 22 September 2020 15:34)

    Ach Herrje, das arme Aschenbrödel! Und der arme Nicht-Hans.